Wahlprüfsteine des Thüringer Lehrerverbandes
Wie schätzen Sie die Situation der Thüringer Schulen in der zu Ende gehenden Legislatur ein?
Ich denke, dass Lehrerinnen und Lehrern unter den gegebenen Bedingungen Großartiges leisten. Die Bildungspolitik im Freistaat war in den letzten Jahren vom Streit zwischen CDU und SPD geprägt. Hinzu kam die überflüssige Diskussion in der Regierung über die Schreibschrift, welche nicht annähernd den Kern der eigentlichen Probleme der Schulpolitik trafen. Man hat das Gefühl vermittelt bekommen, einer Scheindebatte folgen zu sollen, damit man nicht auf die eigentlichen Probleme aufmerksam wird und das sind zum einen fehlende Neueinstellungen in den Schuldienst. Daraus resultiert ein hoher Altersdurchschnitt in unserer Lehrerschaft von mehr als 52 Jahren, eine ständig steigende Belastung unserer Pädagoginnen und Pädagogen und daraus wieder ein hoher Unterrichtsausfall.
Die Schultern, die Arbeit zu tragen haben, sind immer weniger geworden. Die Arbeit selbst aber immer mehr. Das ist auch der Grund, warum die Großen Projekte Inklusion und Gemeinschaftsschule, also längeres Gemeinsames Lernen, mit sehr vielen Ressentiments zu kämpfen haben.
Hinzu kommt, dass nicht nur innerhalb Schule es kaum noch Reserven gibt, auch die Gebäude selbst sind zum Teil in sehr schlechten Zustand. Mit der Senkung der Schulinvestitionspauschale von 22 Millionen Euro auf 15 Millionen, sehen sich immer mehr Kommunen gezwungen, nötige Sanierungsmaßnahmen auf unbestimmte Zeit zu verschieben. An Baumaßnahmen im Sinne einer Barrierefreiheit ist erst gar nicht zu denken.
Eine viel zu hohe Arbeitsbelastung, aufgrund zu geringer Neueinstellungen und ein dringend zu lösender Investitionsstau hinsichtlich unserer Schulgebäude (und Sporthallen). Das sind die eigentlichen großen Probleme der Thüringer Schulen zur ausgehenden Legislatur und nicht Streitereien über Schreibschrift, Notengebung und Sitzenbleiben.
1. Im vergangenen November wurde auf der tlv Landesdelegiertenversammlung in Zeulenroda die Umsetzung des KompetenzNetzwerk Schule beschlossen, um das schulische Angebot durch sonder- und sozialpädagogische Unterstützung, Präventivmaßnahmen und eine bedarfsorientierte Einzelförderung sinnvoll zu ergänzen. Mittlerweile wurden 200 neue Schulsozialarbeiter eingestellt, leider nur befristet auf zwei Jahre.
Wie bewerten Sie die Notwendigkeit des KompetenzNetzwerk Schule und wie kann die Politik hier kontinuierlich unterstützend wirken?
Inklusion und inklusive Schule müssen vom Kind aus gedacht werden. Daher sind Multiprofessionalität und multiprofessionelle Teams – wie es ihr Konzept „KompetenznetzwerkSchule“ ebenfalls fordert – in unseren Augen der Kern einer inklusive Schule. Nur mit Hilfe einer engen Zusammenarbeit von Lehrkräften, Fachkräften der Sozial- und Sonderpädagogik, Schulpsychologie sowie anderen Professionen der Schulbegleitung können die pädagogischen Anforderungen auch wirklich dem Kind entsprechend geleistet werden. Hinzu kommen die Außerschulischen Partner wie z.B. Jugendhilfe aber auch Schul- und Kinderärzte. Dazu bedarf es unbedingt der Verstetigung des Landesprogramms Schulsozialarbeit über das Jahr 2016 hinaus.
Um solch ein Projekt umsetzen zu können, bedarf es im Wesentlichen der breiten Aufklärung der Menschen und Öffentlichkeitsarbeit auf der einen Seite und die genaue Analyse der Gegebenheiten an der entsprechenden Schule vor Ort und dem kritischen Diskurs mit den Beteiligten auf der anderen Seite. Diese beiden Aufgaben müssen eng miteinander verzahnt und gut mit einander abgestimmt werden. Hier können der tlv und DIE LINKE zusammenarbeiten.
2. 8.000 Lehrer gehen in den nächsten zehn Jahren in den Ruhestand. So hieß es vor der letzten Landtagswahl. Darauf wollte die aktuelle Regierung mit Einstellungen von 2500 Lehrern in Vollzeit reagieren. Von diesen Plänen ist bislang nicht viel übrig geblieben. Tatsächlich ist fast von einer Halbierung der Pläne auszugehen. Der tlv forderte in seiner Kampagne „Stoppt den Lehrerkollaps“ 500 neue Vollzeitstellen pro Jahr. Alle Verantwortlichen sind sich der prekären Lage bewusst. Trotzdem wird nicht gehandelt!
Was muss Ihrer Meinung nach die Thüringer Landesregierung zur Lösung dieser selbstverschuldeten Situation tun?
Ein erster Schritt wurde bereits gegangen. Es liegt endlich ein Personalentwicklungskonzept Schule vor, welches Ministerium und Gewerkschaften gemeinsam gearbeitet haben. Jetzt heißt es, dem geschriebenen Wort auch Taten folgen zu lassen.
Es bedarf einer großen Anstrengung, um den Ersatzbedarf an ausscheidenden Lehrkräften 1:1 wieder einzustellen. Allein im Schuljahr 2012/13 hätten schon etwa 520 Neueinstellungen vorgenommen werden müssen – nur etwa die Hälfte wurde realisiert. Faktisch bedeutet dies nur einen Tropfen auf den heißen Stein. Um diese Entwicklung zu korrigieren, ist eine konsequente Schwerpunktsetzung bei der Bildungsfinanzierung im Landeshaushalt notwendig. Zur Entwicklung des Thüringer Schulsystems gehört es Bedingungen zu schaffen, damit junge Lehrerinnen und Lehrer sich hier wohl fühlen und sie gern an den Schulen im Freistaat arbeiten. Um den vorherrschenden Herausforderungen im Schulwesen angemessen begegnen zu können, werden neben notwendigen Neueinstellungen auch Maßnahmen der Lehrergesundheit zwingend erforderlich sein. Es müssen Möglichkeiten ausgebaut werden, bei denen Lehrerinnen und Lehrern mit besonderen Aufgaben – wie zum Beispiel Inklusion – Abminderungsstunden geltend machen können. Besonders für ältere Lehrerinnen und Lehrer muss es eine Entlastung hinsichtlich ihres Arbeitsaufwandes geben, zum Beispiel durch Klassenleiterstunden.
3. In der Sendung „Fakt ist … „ vom 8. Juli 2013 sagte der Moderator, dass sich Lehrer zum Gemeinsamen Unterricht vor der Kamera nicht äußern wollten, weil sie Angst vor Repressalien hätten.
Wie will die Politik Lehrer auf der Basis einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung in Thüringen fit machen, wenn sie andererseits Lehrerinnen und Lehrern in diesem Bundesland misstraut und bevormundet, nur weil sie sich kritisch mit bestehenden Widrigkeiten im Thüringer Bildungssystem auseinandersetzen?
Mit einer Angstkultur lässt es sich nicht mehr ordentlich miteinander reden. Misstrauen sollte es nicht geben. Gerade solch weitreichende Umgestaltungen wie die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention brauchen eine konstruktive kritische Begleitung und zwar ganz besonders von denjenigen, die schlussendlich die politischen Entscheidungen auch in die Tat umsetzen müssen.
4. Der tlv thüringer lehrerverband fordert bereits seit längerer Zeit, auch über den tbb als seinen Dachverband, die Wiederaufnahme der Verbeamtung in Thüringen. Doch gebetsmühlenartig wird immer auf den Thüringer Finanzminister Voß verwiesen, nach dessen Aussage kein finanzieller Spielraum im Haushalt existiert, der gar nicht nötig ist. Es wird immer schwerer, die Einstellungen fachgerecht zu besetzten.
Warum liefern Sie den gut ausgebildeten und motivierten Lehrer-Absolventen derThüringer Universitäten nicht mit der Verbeamtung ein Argument, sich in Thüringen eine Existenz aufzubauen? Der Verjüngung der Thüringer Lehrerschaft käme es außerdem zugute.
Die reine Forderung nach Verbeamtung ist zu kurz gedacht. Wir fordern eine bundeseinheitliche Regelung für die Gleichstellung aller Beschäftigungsformen.
Der einseitige Wettbewerb über das Beamtenrecht einiger Bundesländer ist leider ein falscher Weg. Nicht die Verbeamtung macht den Lehrer, sondern gute Bezahlung für gute Arbeit und eine soziale Absicherung für einen lebenslangen Einsatz im Berufsleben.
Thüringen muss daher für attraktive Beschäftigungsverhältnisse sorgen, um Lehrerinnen und Lehrer im Freistaat zu halten und diejenigen, die hier das Lehramt studiert haben, zu binden.
Erst vor kurzem konnte mit der Studentenstudie 2014 gezeigt werden, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf oberste Priorität besitzt. Das bedeutet für uns, dass unsere Kommunen, als Lebensmittelpunkte, ausfinanziert sind und ein gesellschaftlich-kulturelles Leben attraktiv gehalten wird. In der Befragung der Lehramtsanwärter durch die GEW hat sich gezeigt, dass 2 von 3 Befragten ihren Beruf gern hier in Thüringen ausüben wollen. Haben Sie ihre komplette Ausbildung im Freistaat absolviert, sind es sogar 85%. Das zeigt uns doch, dass der Wille bei den jungen Lehrerinnen und Lehrern da ist. Wir müssen jetzt dafür Sorge tragen, dass sie auch einen Arbeitsplatz bekommen. Eine Möglichkeit ist ein fester Einstellungskorridor von jeweils 500 Stellen in den nächsten Jahren. Wir brauchen auch keine Vorschriften welche Unterrichtsfächer in Kombination zu studieren sind, sondern Transparenz bei den statistischen Erhebungen in welchem Schulamtsbereich welche Fächerkombination in den nächsten Jahren benötigt wird. So können sich Studieninteressierte ein klares Bild machen, wo welche und wie viele Lehrer benötigt werden, wenn sie mit dem Studium fertig sind.
Wir werden nicht umhin kommen, mehr Geld in den Bildungsbereich zu geben. Aber dabei gilt: Kosten für Lehrerneueinstellungen sind keine Ausgaben, sondern Investitionen in die Zukunftsfähigkeit des Landes.
