Diese Website verwendet Cookies. Warum wir Cookies einsetzen und wie Sie diese deaktivieren können, erfahren Sie unter Datenschutz.
Zum Hauptinhalt springen

Mario Hesselbarth

8. Mai – Tag der Befreiung

In der Nacht vom 8. zum 9. Mai 1945 unterzeichnete das Oberkommando der deutschen Wehrmacht in Berlin-Karlshorst vor den Vertretern der Streitkräfte der Anti-Hitler-Koalition die bedingungslose Kapitulation. In Europa schwiegen nach mehr als fünf Jahren Krieg die Waffen.

Mit dem „Großdeutschen Reich“ war ein verbrecherisches System niedergerungen worden, dessen Weltherrschaftspläne, Herrschaftspraxis und Rassenwahn die menschliche Zivilisation grundsätzlich in Frage gestellt hatten. In das kollektive Bewusstsein der europäischen Völker ist der 8. Mai 1945 deshalb nicht nur als das Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa eingegangen, sondern vor allem als Tag der Befreiung.

Die Schreckensbilanz des von Nazi-Deutschland mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 begonnenen Zweiten Weltkrieges überfordert auch fünfundsiebzig Jahre nach seinem Ende das menschliche Vorstellungsvermögen. Nach neueren Berechnungen starben mehr als 60 Millionen Menschen bei Kampfhandlungen, durch Repressalien, Massenvernichtungsaktionen und Kriegseinwirkungen. Von den 18 Millionen Menschen, die das NS-Regime in Konzentrationslager verbrachte, wurden elf Millionen ermordet oder durch Arbeit vernichtet. Unfassbar bleibt der industrielle Massenmord an sechs Millionen europäischer Juden, die - wie auch Sinti und Roma - dem Rassengenozid zum Opfer fielen. In Deutschland mussten fast acht Millionen Menschen aus den eroberten Ländern Zwangsarbeit leisten. Unermesslich waren zudem die materiellen Schäden und die Zerstörungen der Natur mit ihren Langzeitfolgen.

Der Sieg über den deutschen Faschismus und die Befreiung Europas war die Leistung aller Beteiligten in der Anti-Hitler-Koalition. Nur in einer gemeinsamen Anstrengung über unterschiedliche politische Überzeugungen und Gesellschaftssysteme hinweg konnte die menschliche Zivilisation vor einem Terrorregime gerettet werden, das vor keinem Verbrechen zurückschreckte.

Die Hauptlast im Kampf gegen Nazi-Deutschland trugen dabei die Völker der Sowjetunion. Über elf Millionen sowjetische Soldaten ließen ihr Leben. Mehr als 13 Millionen Zivilpersonen wurden von den deutschen Invasoren getötet oder starben unter den unmittelbaren Kriegseinwirkungen. Belorussland verlor ein Viertel seiner Bevölkerung. In Städten wie Leningrad, Smolensk oder Pskow überlebte ein Drittel der Einwohner die Kampfhandlungen nicht. Die deutschen Aggressoren hinterließen eine Spur der Verwüstung: 1.710 Städte und 70.000 Dörfer, 31.800 Industriebetriebe, 13.000 Brücken und 65.000 Kilometer Eisenbahnnetz wurden zerstört, gesprengt oder niedergebrannt.

Im Frühjahr 1945 war der Zweite Weltkrieg an seinen Ausgangspunkt Deutschland zurückgekehrt. Die damit verbundenen unterschiedlichen Erfahrungen prägten später auch die Erinnerung der Deutschen an den 8. Mai 1945.

Die Befreiung aus Zuchthäusern und Konzentrationslagern oder die Rückkehr aus der Emigration bestimmten das Verständnis der überlebenden Opfer und Gegner des Nazi-Regimes.

Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung wurde nun selbst Opfer des Regimes und dessen Krieges, nachdem viele Deutsche zuvor beidem zugejubelt hatten. Den Ausgangspunkt und die Ursache für die unmittelbare Konfrontation mit dem Krieg und den damit verbundenen Leiden und Schrecken bildete jedoch nicht erst das Frühjahr 1945, sondern der 30. Januar 1933, der Tag der Übergabe der Macht durch konservative deutsche Eliten an Hitler und dessen Nazi-Partei.

Die DDR erinnerte bereits kurz nach ihrer Gründung an den 8. Mai 1945 als Tag der Befreiung.

„Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!“ war ihre Schlussfolgerung aus Nazi-Regime und Zweitem Weltkrieg. Sie verband damit das Angebot an die Mehrheit der Bevölkerung, die antifaschistische Position der bisherigen Minderheit als gesellschaftlichen Grundkonsens zu übernehmen und sich damit nachträglich in die Anti-Hitler-Koalition einzureihen.

Diese einseitige Ausrichtung ermöglichte nicht nur individuelle Verdrängung, sie erschwerte auch die tiefergehende und damit konsequentere Auseinandersetzung mit dem NS-Regime, was Folgen bis in unsere Gegenwart zeitigt.

Ungeachtet dessen, dass in der DDR die Mitverantwortung der maßgebenden wirtschaftlichen, politischen und militärischen Kreise Deutschlands für die Verbrechen des Nationalsozialismus klar benannt und dementsprechend auch strukturelle Konsequenzen gezogen wurden, verlor der Antifaschismus hier nicht zuletzt infolge der zunehmend ritualisierten Formen des Gedenkens mit der Zeit seine ursprüngliche Überzeugungskraft. Die nahezu ausschließliche Inanspruchnahme des Antifaschismus als Legitimationsgrundlage der Staatspartei SED trug hierzu bei.

In der alten Bundesrepublik wurden mit Grundgesetz und parlamentarischer Demokratie ebenfalls Konsequenzen aus dem Nazi-Regime gezogen.

Zugleich aber ermöglichte der antikommunistische Grundkonsens der 1950er Jahre großen Teilen der alten Eliten in der „Adenauerära“ neue Karrieren. Er schuf eine Atmosphäre des Verdrängens der Gefolgschaftstreue zu Hitler, der massenhaften Loyalität im NS-Regime sowie der Mitverantwortung und Verstrickung in die Verbrechen des deutschen Faschismus.

Der erst von der Achtundsechziger-Generation infrage gestellte Mythos von der „anständigen“ Mehrheit der Deutschen und einer „unbescholtenen“ Wehrmacht, die von den Verbrechen des NS-Regimes nichts gewusst und nicht in diese verstrickt gewesen wären, wirkte und wirkt bis in die Gegenwart. Bis heute halten die Versuche an, unter Verweis auf deutsche Opfer die Bedeutung des 8. Mai 1945 als Tag der Befreiung zu relativieren.

Der Blick auf den 8. Mai 1945 ist deshalb mehr als eine historische Rückschau.

Die Morde des NSU, die Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke sowie die Anschläge in Halle und Hanau machen deutlich, welche Gefahr und Bedrohung aktuell vom nationalsozialistischen, rassistischen und antisemitischen Ungeist ausgeht.

Das gegenwärtig mehr oder weniger offen rassistische und völkische Parteien für starke parlamentarische Verankerungen der extremen Rechten in der Bundesrepublik und in Europa sorgen, wirft ein Schlaglicht auf die Dimension der Herausforderung, vor welcher demokratische, antifaschistische Kräfte heute stehen.

Die Aufforderung Richard von Weizsäckers vor fünfunddreißig Jahren an die Deutschen, den 8. Mai 1945 ungeachtet der widersprüchlichen Erfahrungen als Tag der Befreiung zu begreifen und ihn nicht von 1933 zu trennen, bleibt ein Maßstab für die demokratische Erinnerungskultur in unserem Land.

Es ist an der Zeit, den 8. Mai bundesweit als Tag der Befreiung zu einem offiziellen Gedenk- und Feiertag für Humanität, Toleranz und Demokratie und der Erinnerung an alle Opfer des Nationalsozialismus sowie des europäischen antifaschistischen Widerstands zu erklären.


  1. 17:00 - 20:00 Uhr
    Erfurt, DIE LINKE. Thüringen

    Sitzung des Landesvorstandes

    In meinen Kalender eintragen
  1. 17:00 - 20:00 Uhr
    Erfurt, DIE LINKE. Thüringen

    Sitzung des Landesvorstandes

    In meinen Kalender eintragen
  1. 17:00 - 20:00 Uhr
    Erfurt, DIE LINKE. Thüringen

    Sitzung des Landesvorstandes

    In meinen Kalender eintragen