23. November 2016 Susanne Hennig-Wellsow, Sabine Berninger

Studie zu "Arbeit und Leben" in Ostthüringen bereichert politische Debatte

„Es ist erfreulich, dass nun Rückschlüsse auf Zukunftsängste oder -vertrauen in strukturschwachen Räumen im Unterschied zu strukturell stärkeren Städten möglich sind und Erkenntnisse vorliegen, wie diesen begegnet werden kann.“, so LINKE-Landesvorsitzende Susanne Hennig-Wellsow zur gestern in Jena durch Prof. Dörre vom Institut für Soziologie der FSU Jena präsentierten Eckpunkte der Studie „Arbeit und Leben“ (RAuL). Die Studie, die in den nächsten Wochen veröffentlicht wird, bildet vor allem die „Mitte“ der Gesellschaft bzw. die „Arbeitnehmermitte“ ab. Das erlaube, so Hennig-Wellsow, „einen Blick auf die Einstellungen jener, die - zwar politisch interessiert und sozial engagiert - eher still sind und deshalb häufig unbeachtet bleiben, wenn es Politikerinnen und Politiker darum geht, auf Forderungen der Bevölkerung zu reagieren.“ Bereits mit der Veröffentlichung der Eckpunkte wird die politische Debatte angeregt.

Die RAuL-Studie bestätigt, was auch andere Studien konstatieren: die Mehrheit der Menschen verbindet mit der Zuwanderung eher Chancen als Risiken, die Einstellung gegenüber Geflüchteten ist aber stark abhängig von der persönlichen Situation, dem Gefühl abgehängt zu sein, der Einschätzung der eigenen Zukunftsperspektive. "Die heute vorgestellte Studie bestätigt, dass ablehnende Haltungen und Ressentiments in strukturschwachen Räumen stärker ausgeprägt sind. Dort werden laut Studie vor allem die regionale Schrumpfung, vernachlässigte ArbeitnehmerInneninteressen wahrgenommen und nur sehr geringes Vertrauen in die Gestaltungsfähigkeit der Politik gesetzt. Letzteres liegt auch daran, dass vieles, was Politik gestalterisch umsetzt, bei den Menschen nicht ankommt, unbemerkt bleibt.“, so LINKE-Landesvorstandsmitglied Sabine Berninger mit Blick auf die Aufforderung der AutorInnen, beispielsweise positive Ergebnisse gelingender Integrationsbemühungen stärker bekannt zu machen.

Für Susanne Hennig-Wellsow sind insbesondere die Veränderungen bei der Sicht auf die eigene Stellung in der Arbeitswelt und die Prioritätensetzung im Verhältnis von Arbeit und Leben bemerkenswert. "Offenbar setzt sich zunehmend eine emanzipatorische Sichtweise auf das eigene Leben, die Vorstellungen von Lebensqualität und der Anspruch an eine sozusagen sozialere Gestaltung der Zukunft durch.“ Insbesondere für die heute unter 35-jährigen, „die in Zukunft die betriebliche Realität prägen‘ werden, besitzen soziale Beziehungen, Familie und Freunde eine höhere Bedeutung als Arbeit." Daran könne und müsse emanzipatorische, linke Politik anknüpfen, so die Politikerin.

„Die durch die Autorinnen und Autoren definierten politischen Handlungsfelder – der politisch oft still bleibenden Mitte ‚Selbstbewusstsein und eine Stimme zu verleihen‘ und den ‚Kampf um die Unentschiedenen und die politische Deutungshoheit offensiv zu führen‘ sowie Einfluss auf die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und die Industrie- und Lohnstruktur zu nehmen – sind die Herausforderungen, derer sich gerade auch eine rot-rot-grüne Regierungskoalition stellen muss.“ Die LINKE-Landesvorsitzende empfiehlt ihrer Partei, sich dies bei der Formulierung der Ansprüche an linke Politik für anstehende Wahlkämpfe auf die Fahnen zu schreiben.