8. November 2017 Susanne Hennig-Wellsow, Mario Hesselbarth

Konservativer Deutungskampf - Carius zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution

"Vor genau 100 Jahren stürmten Russlands Bolschewiken den Zarenpalast. Die Oktoberrevolution brachte enormes Leid, sorgte aber auch für bedeutende Fortschritte über die Landesgrenzen hinaus."
(Ina Ruck für tagesschau.de, Quelle: www.tagesschau.de

So sachlich kann zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution 1917 berichtet werden. Wir erinnern uns an diesem Datum als Linke an ihre historischen Ursachen und weltgeschichtliche Bedeutung, an die mit ihr verbundenen Hoffnungen auf Frieden, soziale Befreiung und Selbstbestimmung der Massen. Wie die Februarrevolution war auch die Oktoberrevolution 1917 zuerst eine Revolution für den Frieden um aus dem Todeskreislauf des Ersten Weltkriegs auszubrechen. Mit ihr verbanden sich große historische Chancen und Leistungen, aber auch tiefe Widersprüche und Irrwege bis hin zum Stalinismus und seinen Opfern. Trotz des emanzipatorischen Erbes wurde der innere Widerspruch zwischen dem avantgardistischen Selbstverständnis der kommunistischen Parteien und dem Anspruch der Massen auf reale Mitsprache und Mitbestimmung im Block der sozialistischen Staaten nie gelöst. Immer wieder gab es zwar Momente der Entspannung, aber der Sieg im Zweiten Weltkrieg oder der Tod Stalins führten nie zur demokratischen Öffnung. Die hieraus resultierende Reformunfähigkeit hat 1989-91 entscheidend zum Ende des Staatssozialismus sowjetischer Prägung beigetragen. Insofern lehrt uns auch die Oktoberrevolutionen 1917: Ohne Demokratie kein Sozialismus! Zu einer Würdigung der Ambivalenzen ist Landtagspräsident Carius - im Sinne oben zitierter Sachlichkeit - offensichtlich nicht in der Lage. Carius, der immerhin einem Neutralitätsgebot verpflichtet ist, verfällt anlässlich der Ausstellungseröffnung "Der Kommunismus in seinem Zeitalter" von Gerd Koenen in den antikommunistischen Duktus eines Konservativen: "Die Oktoberrevolution ist der Ausgangspunkt von über 70 Jahren kommunistischer Diktatur in Russland und der späteren Sowjetunion. Sie setzte sämtlichen Bestrebungen einer Demokratisierung Russlands seit der Abdankung des russischen Zaren ein jähes Ende. Sie war Ausgangspunkt der Polarisierung zwischen Ost und West und Wegbereiter eines millionenfachen Mordens an Andersdenkenden. Ihre dramatischen Folgen für Europa und die Welt dürfen nicht in Vergessenheit geraten." Wer die Polarisierung zwischen Ost und West zurecht beklagt, muss jedoch auch an die Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich bzw. Oben und Unten durch den Kapitalismus allgemein und den Zarismus im Besonderen erinnern. Gerade damit wollte die Oktoberrevolution Schluss machen. Wer die Folgen der Oktoberrevolution auf das millionenfache Morden an Andersdenkenden reduziert, muss sich fragen lassen, was er damit bezweckt. Zurecht wird im Zusammenhang mit der Oktoberrevolution an die Millionen Opfern des stalinistischen Terrors erinnert, keines war gerechtfertigt, jedes einzelne eines zu viel. Die Oktoberrevolution hat das 20. Jahrhundert jedoch negativ wie positiv tief geprägt. Es war die Sowjetunion, die die Hauptlast im 2. Weltkrieg trug und so die Menschheit vor der Barbarei des deutschen Faschismus bewahrte, auf dessen Konto auch die 28 Millionen sowjetischen Opfer des Zweiten Weltkrieges gehen. Erst die Existenz des sozialistischen Lagers nach 1945 hat den Kapitalismus dazu herausgefordert, sich sozial und demokratisch zu reformieren. Seit dem es diese Herausforderungen nicht mehr existiert, erweist sich der nun globalisierte Kapitalismus immer weniger sozial, stehen gegenwärtig selbst die Demokratie und die bürgerlichen Freiheiten angesichts des in Europa und der Bundesrepublik zunehmenden Rechtsextremismus und Rechtspopulismus wieder infrage.

Quelle: http://www.die-linke-thueringen.de/nc/aktuell/aktuell/detail/artikel/konservativer-deutungskampf-carius-zum-100-jahrestag-der-oktoberrevolution/